Eine Theologie des Alltags Drucken E-Mail
Geschrieben von Hal Miller   
Weil wir auf dem Lande lebten, machte meine Familie viele Einkäufe durch Kataloge. Wir hatten ganze Stapel von diesen Katalogen neben dem Kamin, und wenn der Winter uns lang wurde, legten wir uns auf den Boden und blätterten sie durch. Einige waren dick, andere dünn, aber einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben; er war für Ausgangskleidung und trug den Titel "Flucht aus dem Alltäglichen".

Ich mochte die Kleider gar nicht besonders, aber der Titel gefiel mir. Das "Alltägliche" war ein Ort, dem ich so schnell als irgend möglich entfliehen wollte. Und es sieht so aus, als ob andere genau so fühlen. Wir scheinen alle das Alltägliche zu fürchten.

Unser Unwohlsein mit dem Gewöhnlichen, dem Alltäglichen, zeigt sich auf verschiedenste Art und Weise; würden wir je sagen "Gott sei Dank, es ist wieder Montag" ? Gibt es aus dem Munde eines Teenagers ein schlimmeres Urteil über ein Buch oder einen Lehrer als die Aussage: "langweilig"?

Wir haben einen Widerwillen gegen das Gewöhnliche, das Alltägliche. Wir dürsten nach dem Aufregenden, nach dem, was anders und erfrischend amüsant ist. Kurz gesagt, wir sind transzendenzsüchtig. Wir leben in der Hoffnung auf irgendein aufregendes Ereignis, das uns Bedeutung und Belebung bringen soll in einer Welt, die aus grauen Mauern besteht. Unsere Helden sind aufregende Leute: Sportler, Schauspieler, Abenteurer. Wir sind so gebannt von der Vorstellung, dass diese dem Alltäglichen entflohen seien, dass wir nie realisieren, wie recht Andy Warhol mit seiner Aussage hatte: sie waren genau 15 Minuten lang berühmt! Die Olympiasieger des letzten Jahres müssen heute genauso wie du und ich ihren Lebensunterhalt verdienen.

Einige Leute versuchen, dem Alltag direkt zu entfliehen - durch Drogen. Christen sind meistens nicht ganz so direkt. Wir versuchen, dem Alltag geistlich zu entfliehen. Wir sind immer auf der Suche nach Konferenzen, Seminaren und Erweckungsversammlungen, die uns Augenblicke geistlicher Hochstimmung vermitteln. Diese Augenblicke erheben uns über die altbekannte Routine von Arbeit, Familie und Gemeinde. Wir versuchen, eine überirdische Erfahrung zu erhaschen, die lange genug andauert, um uns durch die dazwischenliegenden Tage und Wochen bis zum nächsten "Schuss" zu bringen.

Übersinnliche Erfahrungen sind nicht etwa falsch; problematisch ist nur die Einstellung, dass wir nur von diesen Erfahrungen Sinn für unser Leben erwarten. Diese Idee haben wir nicht durch den christlichen Glauben, sondern durch die Atmosphäre unserer Kultur aufgeschnappt. Moderne westliche Kulturen haben eine fast absolute Wertschätzung des Einmaligen, des Individuellen und Speziellen. Wir feiern die Dinge, die uns von andern unterscheiden und versuchen, aufs Minimum zu reduzieren, was uns gleichmacht. Diejenigen unter uns, die über ein grosses Einkommen verfügen, versuchen, haufenweise verschiedene Erfahrungen anzuhäufen und vermeiden Wiederholung und vorgegebene Lebensmuster, aus Furcht vor Langeweile.

Zum Grossteil ist das eine Reaktion auf die spürbare Monotonie unseres Lebens. Wir sehnen uns nach jenen speziellen, transzendenten Erfahrungen, die uns herausheben aus der Langeweile unserer Jobs: Arbeit am Computer, den Kindern hinterherrennen, abwaschen oder auf übervollen Autobahnen dahinfahren. Von unserer Kultur her sind wir ziel- und projektorientiert - wir schätzen Ergebnisse, das Gefühl, zurücksitzen zu können und auf etwas Vollbrachtes zu schauen. Der grösste Teil unseres Lebens jedoch beschäftigt sich mit Aufgaben, die kein Ende haben. Das Haus muss abgestaubt werden, einzig damit es wieder neu staubig werden kann. Das Geschirr muss abgewaschen werden, damit wir es von neuem verschmutzen können. Kein Wunder, dass wir nach jenen aufregenden, transzendenten Augenblicken hungern.

Was wir eigentlich wollen, ist offenbar, Gott zu berühren. Und wir nehmen an, dass "Gott berühren" aufregend ist. Was aber, wenn das nicht immer (oder nicht einmal normalerweise) so wäre? Ich frage mich, ob Elija sehr aufgeregt war, als er Gott im sanften Säuseln des Windes und nicht in Sturm, Blitz und Donner berührte. Ich frage mich, ob es für Paulus aufregend war, in Ephesus Zelte herzustellen. Ich frage mich, ob Jesus im Zustand geistlicher Erregung war, wenn er mit Leuten zu Tische sass und ihnen zu erklären versuchte - wieder und wieder - dass das Reich Gottes den "Letzten" und nicht den Ersten gehöre. Und doch waren das alles Zeiten, wo Menschen erlebten, dass Gott in ihrem Leben am Werk war - wenn sie tatsächlich Gott berührten, weil Gott sie berührte.

Vielleicht gehen wir das alles ganz falsch an. Statt anzunehmen, dass das Berühren Gottes aufregend ist, sollten wir vielleicht eher die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es oft Routine sein kann, eine Routine wie Aufstehen am Morgen und zu Bett gehen am Abend. Unser christliches Bekenntnis geht stark in diese Richtung. Wir behaupten, dass wir unser Leben in der Gegenwart Gottes leben, dass Gott in der gewöhnlichen, langweiligen Gestalt eines jüdischen Zimmermanns zu uns gekommen ist, dass die Gesegneten die Gewöhnlichsten aller Leute sind - die armen, niedrigen und die Trauernden. Das Christentum bietet uns eine Spiritualität des alltäglichen Lebens. Wäre es nicht wichtig, herauszufinden, was das bedeutet?

Lasst uns darüber nachdenken, wie der Alltag aussieht. Wir können uns z.B. eine Liste machen von allen Aktivitäten, aus denen sich unser Leben zusammensetzt und gleichzeitig notieren, wieviel Zeit jede einzelne beansprucht. Dann ordnen wir die Aktivitäten entsprechend dem Zeitaufwand. In meinem Fall sieht der Alltag wie folgt aus:

  1. Arbeiten (meine Arbeit, wie fast jedermanns, ist ziemlich Routine: ich arbeite mit Worten; Worte müssen geschrieben und korrigiert, gelesen und wieder gelesen werden, Dutzende von Malen) - 9 Stunden lang
  2. Schlafen - 7 Stunden (meine Schlafzeit mag etwas unter der vom Arzt empfohlenen liegen, Ihre mag etwas darüber sein; so oder so nimmt sie etwa ein Drittel unserer Zeit ein)
  3. Essen - 2 Stunden (Kochen und Aufräumen inbegriffen)
  4. Fahrzeiten, Pendeln - 2 Stunden
  5. Duschen, Rasieren etc. - 1 Stunde (mehr oder weniger)
  6. Botengänge und Hausarbeiten - etwa 1 Stunde

Ihre Liste wird wahrscheinlich anders sein als diese. In meinem Fall ist Routine, der Alltag meines Lebens verantwortlich für 22 Stunden meines durchschnittlichen Tages. Für fast jeden werden das mindestens 20 Stunden sein. Das lässt genau 4 Stunden übrig für alles andere: plaudern, weinende Babies hochwerfen, lesen, fernsehen (obwohl Studien sagen, dass der durchschnittliche Amerikaner ca 7 Stunden fernsieht), beten und Dienste in der Gemeinde.

Und nun überlegen Sie, was das für unser geistliches Leben bedeutet. Die meisten geistlichen Lebenshilfen, die wir erhalten haben, lassen sich nur auf jene 4 (oder weniger) Stunden unseres Lebens anwenden, die nicht durch Alltagsgeschäfte besetzt sind. Unsere christliche Kultur empfiehlt uns, Zeit für Gebet, Bibelstudium und ein geistliches Amt einzusetzen; wir werden angewiesen, Spezialanlässe zu besuchen oder zusätzliche Dinge zu tun. Irgendwie sollte dies alles in die 17 % unseres Lebens gepackt werden können, die nicht schon dem Alltag gehören. Diese Methoden geistlichen Lebens bewähren sich nicht so gut, wenn sie auf Arbeit, Ehe, Kinder und Schulden angewendet werden. Sie beschäftigen sich nicht mit der Tatsache, dass wir den grössten Teil unseres Lebens beschäftigt mit trivialen, sich wiederholenden Aufgaben von zweifelhaftem "Ewigkeitswert" verbringen.

Diese Art geistlichen Lebens ist rückständig. Von einem christlichen Standpunkt aus sollte geistliches Leben mindestens so gut auf die 20 Stunden des Alltags angewendet werden können wie auf die 4 Stunden, die übrigbleiben. Eine Spiritualität des Alltags interessiert sich für die 83% unserer Zeit, diesen unermesslichen Haufen in unserem Leben, der gewöhnlich, eintönig und routinemässig ist.

Geistliche Lebenshilfen für den Alltag sind seit Jahrhunderten vorhanden; leider bestehen sie meistens aus Elementen, die den modernen Menschen nicht ansprechen. Seit 1500 Jahren haben Mönche die Benediktinische Regel befolgt, die ein Leben fordert, in dem Arbeit und Gebet verbunden sind - ora et labora. Beides waren Wege, Gott zu preisen, beide waren wertvoll. Andere wichtige Traditionen christlicher Spiritualität arbeiteten daran, die Bedeutung des "Betens ohne Unterlass" herauszufinden - eine Disziplin, die erfordert, dass man die Vereinigung von Alltagsleben und Glauben lernt.

Christlicher Glaube ist in Wirklichkeit nichts anderes als geistliches Leben für den Alltag. Die Inkarnation ist der letztmögliche Beweis, dass Gott ein "Alltags-Gott" sein will, der kam, um bei uns zu sein - nicht als blendendes Licht oder brennender Busch, sondern als eine Person, an der man auf der Strasse vorbeigehen könnte, ohne sie zu bemerken.

Wenn das wahr ist, warum haben die meisten von uns dieses geistliche Leben für den Alltag nicht entdeckt? Und warum haben wir uns dem Trachten nach einem sensationellen, dramatischen geistlichen Leben verschrieben? Einige der Gründe sind offensichtlich: der Alltag ist - per definitionem - gewöhnlich. Da ist wenig drin, das aufregend wäre. Er ist sogar zum Grossteil unsichtbar für uns. Wir nehmen ihn normalerweise gar nicht wahr, bis er uns zum Problem wird, weil er uns langweilt. Und weil wir den Alltag nur wahrnehmen, wenn er ein Problem ist, erwarten wir (natürlich) nicht, Gott darin zu begegnen.

Ein anderer Grund für den Mangel einer Alltagsspiritualität mag der sein, dass wir einfach lieber Geschichten mögen, die aufregend und dramatisch sind. Wir lieben "Hagiopraphien", Geschichten über Heilige. Und ob diese Heiligen nun Christen sind (John Wimber, Johnny Cash) oder weltliche (Lee Iacocca, Kirk Douglas) -wir lieben ihre Geschichten, weil sie aufregend sind. Schleichend überzeugen wir uns selbst, das Heiligkeit erfrischend, erregend, inspirierend sei - alles andere als alltäglich.

Wir haben auch eine Neigung zum Schnellen und Einfachen. Wir wollen schnelle Veränderungen, nicht langsame, schmerzhafte Umformungen. Wir wollen, dass die Dinge jetzt und hier anders werden. Aber im Alltag ist nichts schnell und einfach. Es geht immer weiter, mit wenigen Dingen, die einmal abgeschlossen sind und aufhören; mit dem Alltag wird man buchstäblich nie fertig. Darum suchen wir anderswo, irgendwo, einen schnellen geistlichen "Schuss" zu finden.

Interessanterweise gibt uns das N.T. einen grossen Reichtum an Hilfsmitteln für eine Spiritualität des Alltags. Obwohl es uns einen guten Anteil an recht spektakulären Ereignissen gibt (Ananias und Saphira, die tot umfallen/ Lazarus, der vom Tode auferweckt wird/ Paulus blind und wieder geheilt) - seine Hauptbetonung liegt doch auf dem Handeln Gottes im Alltag. Jesus, der menschgewordene Gott, verhielt sich meist nicht "heilig" in dem Sinne, dass er die Muster und Routinen des Alltags gemieden oder ungültig gemacht hätte. Er machte sich selbst eher zum Freund der alltäglichen Leute, - Prostituierte und Sünder inbegriffen - als zum Freund der geistlichen Athleten. Die Leute nannten ihn Fresser und Säufer (Luk.7.31-35), weil ihm die menschliche Routine von Essen und Trinken offenbar Spass machte. Und er brachte seine Botschaft nicht den Grossen und Mächtigen, sondern den Armen (was in der Gesellschaft so viel bedeutet wie "den Gewöhnlichen").

Die ersten Gemeinden bestanden fast ausschliesslich aus gewöhnlichen Menschen. Es gab keine Mönche, wenig christliche Vollzeiter (Paulus scheint sogar auf die Tatsache stolz gewesen zu sein, dass er meist selbst für seinen Unterhalt sorgte), und fast niemand konnte sich den Luxus leisten, speziellen geistlichen Erlebnissen nachzujagen. Leute, die nach Spektakulärem dürsteten, landeten meist in den geistlich aufregenden Mysterienkulten und nicht in den "langweiligen", nüchternen Gemeinden. Die Mysterienkulte boten fremdartige und geheime Rituale an, die Gemeinden hingegen versammelten sich auf die prosaischste aller möglichen Arten, nämlich um eine gewöhnliche Mahlzeit herum.

Die gute Nachricht von Paulus betont, dass Gott ausgerechnet mit den Gewöhnlichen handelte. "Was vor der Welt niedriggeboren und was verachtet ist, hat Gott erwählt", sagt er. Gott konzentriert sich auf "das, was nichts gilt, damit er das, was gilt, zunichte mache"(1.Kor.1.28) Das ist die Grundlage dessen, was Paulus unter Gnade versteht: Gott hat mit Absicht das Gewöhnliche über das Spezielle gestellt, so dass sich niemand rühmen kann und damit unser aller Erlösung völlig in Gottes Hand liegt. (1.Kor.1,29-31)

Natürlich hatten diese ersten Christen - genau wie wir - eine Sehnsucht nach dem Transzendenten und Spektakulären. Das Interesse der Korinther zum Beispiel lag in speziellen Gaben des Heiligen Geistes wie z.B. der Sprachenrede. Die Art, wie Paulus mit ihnen umgeht, ist lehrreich. Er verneint nicht die Wichtigkeit dieser speziellen Gaben, aber er stellt sie den alltäglichen zur Seite (1.Kor.12.7-11; 14,26) Manchmal erweckt er sogar den Eindruck, dass die gewöhnlichen Gaben die wichtigeren seien (1.Kor.12.22; Röm.12.3-8).

Dies ist nur ein Teilstück, was den ganzen Zugang des Paulus zur christlichen Spiritualität betrifft. Seine berühmte "Frucht des Geistes", die Ernte eines lebenslänglichen Umgangs mit Gott, besteht aus ganz alltägliche Tugenden. Paulus erwartet nicht, dass das christliche Leben Vortrefflichkeit, Mut, Erfolg oder Meisterschaft hervorbringt. Statt dessen bringt uns der Geist "Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung"(Gal. 5-22) Das Spektakuläre braucht nie Geduld; nur die Routine und das "Langweilige" brauchen diese Tugend. Treue ist nicht gefragt bei übersinnlichen Erfahrungen; nur der Alltag braucht es. Genau dasselbe gilt für alle obigen Tugenden.

Wenn ich inmitten eines prosaischen Stücks Alltagslebens bin und den Drang verspüre, dem Alltäglichen zu entfliehen, tröstet mich oft das Gleichnis Jesu über den treuen Haushalter. Der Meister hält den für treu und weise genug, um ihm Verantwortung über seinen Haushalt zu geben, welcher seiner Familie ihr Essen zur rechten Zeit gibt (Mat.24,45). In den undankbaren, sich routinemässig wiederholenden gewöhnlichen Anforderungen wie dem voraussagbaren Servieren einer Mahlzeit ist es, wo Gott uns treu oder untreu findet. Und wenn der Meister zurückkommt, ist der Knecht gesegnet - nicht etwa weil er etwas Besonderes getan hätte, sondern weil er sich treu in der Routinearbeit engagierte (V.46).

Treue in den allergewöhnlichsten Pflichten des Lebens ist das entscheidende, was Jesus von seinen Jüngern erwartet. Wenn er sich die Trennung von Schafen und Böcken beim jüngsten Gericht vorstellt, denkt er nicht, dass Gottes Massstab irgend etwas mit geistlich sensationellen Dingen zu tun hat. Stattdessen sind es Alltagshandlungen - jemandem zu essen geben, der hungrig ist, besuchen, wer krank ist, gastfreundlich einem Fremden gegenüber sein - die die Grundlage des Urteils bilden. Obwohl diese Banalität sowohl Schafe wie Böcke überrascht, tut sie das nicht bei Jesus. Er weiss sehr genau, dass Gott den alltäglichen, unbedeutenden und sogenannt ungeistlichen Aufgaben des täglichen Lebens grundlegende Bedeutung zumisst.

Vielleicht werden wir eines Tages mit einer voll entwickelten Spiritualität des Alltagslebens gesegnet sein. In der Zwischenzeit müssen wir uns der nüchternen Aufgabe zuwenden, eine zu erarbeiten. Ich würde liebend gern einen wirklich intelligenten, feinfühligen Entwurf eines geistlichen Lebens fürs Berufsleben, für Unterhaltungen oder für Mahlzeiten sehen. Wenn wir mit diesen Bereichen beginnen, werden wir vielleicht eines Tages fähig sein, die wirklich schwierigen Probleme wie Pendelverkehr oder Schlafen anzugehen.

 
< zurück   weiter >